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mehr als fernsehen

13. Juni 2008

Wie viele von euch bestimmt schon mitbekommen haben, behandelte Polylux im Fight Club dieser Woche die Nationalstolzfrage. Wie es in diesem Massenmedium so üblich ist, ging unsere Intention so gut wie verloren. Vor allem ist uns aufgefallen, dass der Contra Beitrag inhaltlich stark reduziert wurde und so die eigentliche Argumentation nicht richtig deutlich werden konnte. Deshalb hier noch mal ein wenig ausführlicher die Fragen die uns gestellt wurden und unsere Antworten:

Warum dürfen nicht alle in Fahnen eingehüllt jubeln? Gönnt Ihr den Deutschen die Freude über ihr Land nicht?

Vorne weg: Wir haben absolut nichts gegen Fußball oder Sport im allgemeinem. Wir gönnen jedem seine Freude, sein Jubel und seine Begeisterung für ein sportliches Ereignis. Wir hinterfragen jedoch worüber sich da eigentlich gefreut wird, denn Jubel und Begeisterung für Fußball sind etwas anderes als Jubel und Begeisterung für Deutschland. Sobald die Nationalstaatsflagge ins Spiel kommt, beginnen die Grenzen zwischen Spiel und Sport und Nationalstolz zu verschwimmen. Natürlich ist nicht jeder Mensch mit Fahne in der Hand ein Nazi – ein Punkt, der an der Patriotismuskritik oft missverstanden wird – jedoch wird übersehen, dass die Deutschland Fahne eben nicht für eine Fußballmannschaft steht, sondern für einen Nationalstaat. An diesem Punkt wird unüberlegtes und unkritisches Herumwinken gefährlich. Endlich mal wieder stolz auf Deutschland sein?! Deutschland ist ein Land und kein Verdienst eines Einzelnen! Also, worauf ist man eigentlich stolz? Exportweltmeister? Aufarbeitungsweltmeister? Wir sind wieder wer? Übrig bleibt ein plumpes Rumgedeutsche – Deutschtümelei, die rein gar nichts mit der Verfassung oder einer freiheitlich demokratischen Grundordnung zu tun hat.
Die Fahne ist ebenso wenig unpolitisch und hat „nur was mit Fußball zu tun“. Sie ist ein Statement für eine sich Abgrenzende Gemeinschaft, deren Solidarität schnell an den Staatsgrenzen halt macht. Es ist eben nicht „nur ein Stück Stoff“.

Was ist gefährlich an diesem neuen Nationalstolz?

Der neue Nationalstolz kommt in einem ganz anderen, scheinbar verantwortungsvollem Gewand daher: Man hat die deutsche Geschichte nun aufgearbeitet; man hat sich genug damit auseinandergesetzt und hat in harter, schweißtreibender Arbeit den Platz frei geräumt für einen „gesunden“ Patriotismus. Die Kritik an der Voranstellung der Nation als Identifikationsfigur für den Einzelnen wird schnell abgeblockt, denn ein Gemeinschaftsgefühl sei doch was Schönes und bringe das Land voran. Was viele als Pragmatismus verstanden sehen wollen, ist bei genauerem Hinsehen jedoch vor allem eines: Der lang ersehnte Schlussstrich. Der propagierte Schritt nach vorn entlarvt sich als pure Bequemlichkeit nicht mehr für etwas zur Verantwortung gezogen werden zu wollen, was man doch gar nicht gemacht hat. Doch Aufarbeitung und Auseinadersetzung mit dem Nationalsozialismus ist ein Prozess ohne Schlusspunkt und sollte jeden Menschen dazu bringen über jedes „wir“ und jedes „die“ genau nachzudenken. Das heißt: Jeder Mensch, jeder Schüler und jede Generation muss von neuem für dieses Thema sensibilisiert werden. Der zeitliche Abstand ist unwichtig und der bisher gegangene Weg kann nur ein Maßstab sein, es in Zukunft noch besser zu machen. Das neue „schon aufgeklärt zu sein“ ist also insofern gefährlich, dass es Kritik verdrängt und nach einem Neuanfang ruft, der wiederum einen Schlussstrich voraussetzt. Und obwohl die BRD derzeit eher in Gefahr läuft, sich in ein „1984“ weiterzuentwickeln als in eine Fortsetzung des Nationalsozialismus abzudriften, lässt sich nur schwer anzweifeln, dass ein gesellschaftlich akzeptierter und normalisierter Nationalstolz dem Rechtsextremismus einen perfekten Nährboden bietet, um auch endlich in der Mitte der Gesellschaft Fuß zu fassen. Diese Überlegung wirft die interessante Frage auf, inwiefern das aufgekochte nationale Selbstwertgefühl Anfang der 90er Jahre zu den erschreckenden Ereignissen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen beigetragen hat.

Muss nicht endlich auch mal Schluss sein, sich immer nur für sein Land zu schämen? Andere Nationen haben weniger Probleme, sich zu ihrem Land zu bekennen. Warum dürfen wir das nicht?

Niemand verlangt von einem Anderen sich für „sein“ Land zu schämen. Dies ist ebenso sinnfrei wie stolz auf die Nation zu sein, in die man geboren wurde.
Ob es in anderen Ländern nicht ebenfalls Kritik am Nationalstolz gibt und die Fragwürdigkeit einer solchen Ideologie nicht ebenfalls bekannt ist, wagen wir zu bezweifeln. Da wir jedoch in Deutschland wohnen und uns die Verhältnisse hier vertraut sind, sehen wir uns vor allem in der Pflicht deutsche Zustände zu kritisieren. Dennoch sind sowohl Nationalstolz als auch Nationalismus weltweite Probleme, deren zerstörerische Wirkungen sich in jedem Land entfalten.
In Deutschland und anderen europäischen Nationen definiert sich das Nationalgefühl hauptsächlich durch Begriffe wie Abstammung und Kultur. Deutlich wird dies, wenn beispielsweise Bürger türkischer Abstammung, die bereits seit Jahrzehnten in Deutschland leben, noch immer als Ausländer bezeichnet werden.
Gerade in einem sich immer weiter integrierenden Europa, in dem Kriege praktisch unmöglich geworden sind, hat sich die Schutzfunktion von Nationen überholt. Anders als im Fall Israel, in dem die Erhaltung der Nation noch immer eine Notwendigkeit zur Existenzsicherung ist, wären die europäischen Nationen auch realpolitisch in der Lage einen Schritt in die Zukunft zu machen und das Auslaufmodell Nationalstaat hinter sich zu lassen.

3 Kommentare

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  1. Beim nochmaligen Hören ist das am Ende aufgefallen und hier im Text steht es ja auch noch mal. Was ist denn eine “ freiheitlich demokratische Grundordnung“?
    Schon komisch ausgerechnet so ein Wortungetüm mit welchem im Übrigen gerne Berufverbote gegen Linke gerechtfertigt werden im Zusammenhang mit Kritik gegen die Deutschlandfahne zu äußern. Das ist etwas unreflektiert und erhöht eine politisch vorgegebene Parole auf eine demokratische Ebene.


  2. „Gerade in einem sich immer weiter integrierenden Europa, in dem Kriege praktisch unmöglich geworden sind, hat sich die Schutzfunktion von Nationen überholt.“

    Dann war Nazideutschland also doch ganz gut, weil es noch eine Schutzfunktion hatte? Und so ein schöner EU-Gesamtstaat hätte dann auch endlich wieder eine Schutzfunktion gegen die fiesen Amis … ähm, die fiesen Mullahs?


  3. […] Wenn es nicht so zum Heulen wäre, wäre es schon fast wieder lustig. Da tragen deutsche Nationalisten ihren Anspruch, dass Deutschland – und “damit” sie als Deutsche – Erfolg zu haben hat, auch an den Fußball heran, ganz besonders, wenn der ohnehin schon als Turnier von Nationalmannschaften gespielt wird. Und was fällt idiotischen Nachwuchsantideutschen dazu ein? […]


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